Eröffnungsrede Helma Dietz (Modern Studio Freising) zur Eröffnung der Installation Gedankenflüge anläßlich der Langen Nacht der Demokratie am 2. Oktober 2021.

Gedankenflüge
Installation an den Mauern des Alten Gefängnisses in Freising

Eine Initiative des Kulturverein Modern Studio Freising e. V. und KULTUR-gut! Freising e. V.

Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher,
zum ersten Mal flatterten die “Gedankenflüge” von Modern Studio und KULTUR-gut! Am Europatag im Mai 2019 unter den Bäumen des lichtdurchfluteten Amtsgerichtsgartens.

Damals — es scheint schon so lange her — wollten wir vor allem den “Kulturraum Europa als geistige Heimat” (Georg Stephan Troller), das uns Europäer leitende humanistische Menschenbild und die ihm entsprechende Staatsform der parlamentarischen Demokratie auf unseren Bannern veranschaulichen.

Beide sind festgeschrieben in der internationalen Menschenrechtscharta von 1948 und unserem Grundgesetz von 1949. Sie haben sich in einem Jahrtausende währenden kulturellen Prozess entwickelt. Und schon damals war uns bewusst, dass die Demokratie, “die stärkste Ordnungskraft der Welt”, wie Frank-Walter Steinmeier sie nennt, bedroht ist: von innen — u. A. durch einen falsch verstandenen Freiheitsbegriff, durch Verschwörungstheorien und Fake News von außen — durch die sich mehrenden völkisch-autokratischen Regime ringsum.

Nun — nach nur zweieinhalb Jahren — scheinen wir in ganz anderer Weise an einem Abgrund zu stehen: Nicht nur der jüngste Schreckensbericht des Weltklimarates, das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, die Erreichung des Klimaziels betreffend, auch die Häufung und Verschlimmerung von ganz realen Katastrophen — gigantische Waldbrände über den ganzen

Erdball verteilt, ein Monster-Hurrikan, der den Osten der USA einschließlich der Stadt New York heimsuchte (jeder einhundertste Amerikaner war angeblich 2021 von einer Naturkatstrophe betroffen), Sandstürme im Süden Brasiliens, schließlich auch in Deutschland die Starkregensturzflut im Arntal — vor allem aber die weltumgreifende Pandemie namens Corona — all das hat uns die Dringlichkeit vor Augen geführt, der Wirklichkeit endlich ins Auge zu schauen und uns ihr zu stellen: Wir befinden uns im Herbst der Menschheitsgeschichte!

Wie wird der mutmaßlich lange Weg zur Abwendung des Untergangs demokratiepolitisch durchzuhalten sein? Was muss in dieser Hinsicht geschehen, jenseits von Klimaschutz und Nachhaltigkeit?” fragt Norbert Frei am 10. September diesen Jahres in der SZ. Die Politik und die Wirtschaft allein werden es dieses Mal nicht mehr richten können. Über die Wahlen hinaus sind wir alle als demokratisch verfasste Zivilgesellschaft zur Mitwirkung aufgerufen:

Auch wenn wir es uns nur zögernd eingestehen wollen: Es ist ja vor allem unser westlicher, in alle Welt exportierter Lebensstil — beginnend schon in der Kolonialzeit -, durch den das weltumfassende Unheil entstanden ist.

Und die Zeit drängt. Auf überwiegend technologische Rettungsaktionen allein können wir nicht mehr warten. Wir selbst müssen und können möglichst schnell neue Möglichkeiten und Wege finden — um der Zukunft unserer Kinder und Enkel willen. Es sieht düster aus, wenn sich Parteien und Bürger und Bürgerinnen noch nicht einmal über eine Petitesse wie das Tempolimit einigen können, oder wenn Menschen in den ersten Tagen des Lockdowns Mehl und Toilettenpapier in irrealen Mengen aus den Supermarkt-Regalen wegkaufen. Sie scheinen alle noch nicht begriffen zu haben, was wirklich auf dem Spiel steht, wenn z. B. Politiker sich seit Jahren scheuen, Vokabeln wie Beschränkung, Verzicht oder, wenn nötig, gar — pfui! – Verbot offen in den Mund zu nehmen. Das überlassen sie lieber den mutigen jungen Menschen von Fridays for Future.

Uns älteren Bürgerinnen und Bürgern wollen diese Politiker die aktive Mitwirkung anscheinend gar nicht zutrauen, sie hören lieber gar nicht hin. Wäre ja vielleicht auch Machtverlust! Dabei könnte es doch auch ganz anders gehen: Wir könnten alle zusammen die Herausforderung zur Umgestaltung der Zukunft kreativ angehen — mit kühlem Kopf und heißem Herzen.

Wir könnten uns von der VISION eines glücklichen Lebens leiten lassen: so weit wie möglich im Einklang mit der Natur, in einem friedvollen Miteinander, mit genügend Zeit zur Entfaltung all unserer kognitiven, sozialen und kreativen Kräfte, gerichtet auf ein “bonum commune”, ein gemeinsames Wohl, das uns aus dem kommerziellen Übertreffenswettbewerb der Vereinzelung ausbrechen und ein gemeinsames Ganzes formen lässt. Damit das gelingen kann, braucht es dann doch eine andere Politik, gerichtet auf Bildung und Kultur, die die zwei wichtigsten Ressorts einer neuen Bundesregierung sein sollten, wie Nils Minkmar es in der SZ vom 30.9.21 fordert.

Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche lernen, den Ordnungsraum Demokratie den drängenden Umständen entsprechend zu organisieren, sie zu befähigen, es besser zu machen als ihre Vorgänger-Generationen und schließlich buchstäblich die Welt für zukünftige Generationen zu retten.

Manche, vielleicht viele haben damit schon begonnen: Ich lade Sie nun herzlich ein, sich ab 20 Uhr die kurze Videoinstallation FLUID an der Wand des Stauberhauses auf dem Marienplatz anzusehen, gestaltet vom Additum Kunst der Q11 2020 des Camerloher Gymnasiums unter Leitung von Judith Treimer-Schebler und der Mithilfe von Judith Reichhardt und Sabine Reichhuber von der Stadt Freising.

Ich wünsche Ihnen viele anregende Gespräche und einen schönen Abend. Danke!